Über Grenzen nachdenken … Gedanken zur Neuaufführung des Theaterstücks „Ein grauer Tag im August“

Im Bild: Schandmauer am Brandenburger Tor.

Im Bild: Schandmauer am Brandenburger Tor.

Von Tobias Pohl

An vielen Orten in der Welt werden Grenzen verstärkt, werden Mauern hochgezogen in dem Glauben, jene Bollwerke könnten die gegenwärtigen Probleme der Flüchtlingsströme lösen. So möchte unter anderem der amerikanische Präsident eine Mauer zu Mexiko bauen lassen, ebenso werden in Europa, unter anderem in Ungarn, die Grenzen durch meterhohe Zäune verdichtet, ausgebaut und zu scheinbar unüberwindlichen Hindernissen verschärft. Man wolle Probleme der jeweiligen Nachbarländern nicht in die eigenen Länder gelangen lassen, wolle gegen Flüchtlinge und Kriminalität dergestalt vorgehen, dass man diese länderübergreifenden Herausforderungen einfach wegsperre, diese von sich fern, kurz: durch riesige Zäune draußen halte.

Solch ein Ansinnen ist sicherlich logisch, denn in dem man Grenzen ausbaut, schützt man das eigene Land und die eigene Bevölkerung. Solch ein Ansinnen ist aber, trotz seines logischen Gewandes, kurzsichtig gedacht, denn gesteigerte Grenzbemühungen in Form von hohen Zäunen, Stacheldraht und grimmigen Wachpersonal, solche Bemühungen lösen leider die Probleme nicht, sie verschärfen sie bisweilen nur, fordert man doch diejenigen, die fliehen und sich jenen als unüberwindlich geltenden Grenzanlagen nähern, nur dazu heraus, das eigene Leben zu riskieren, um dem Elend und der Not, die das eigene Dasein andernorts bedrohen, zu entkommen.

Folglich fragt man sich doch, warum die hier lebende, sich von Flüchtlingen bedroht fühlende Bevölkerung etwas fordert, was die Probleme nicht lösen kann, nicht lösen wird, was vielmehr dazu führt, dass die Herausforderungen bleiben – und sich lediglich verschlimmern werden.

In jenem Forderungsschwall – man könne nicht die ganze Welt retten – entlarvt sich dann ein breiter Teile jener fordernden Gesellschaft, der entweder lediglich daneben steht, oder gar die Augen verschließt vor dem, was er nicht sehen will, oder gar, noch makaberer, dann doch die Flüchtenden dazu auffordert, in deren vom Tod bedrohten Existenz zurückzukehren: Sie müssten ja nicht fliehen, sie könnten ja dort bleiben und ´hungern und harren …

Sie können darauf warten, dass die Welt sie vergisst, dass sie einsam und allein vegetieren, atmen und irgendwann sterben … Die breiten Teile der Gesellschaft möchten solch eine Quälerei nicht sehen: jenes verelendete Vegetieren solle außerhalb ihrer abgeschotteten Räume geschehen, außerhalb ihrer wahrnehmbaren Grenzen … Der breite Teil der Gesellschaft will die Not nicht sehen; deshalb, so scheint, intensiviert er die Grenzbefestigungsanlagen, stockt das Militär auf, schließt Not und Hunger aus!

Ist es nicht dann doch die Ironie der Geschichte, dass diejenigen, die auf der anderen Seite jener unüberwindlich geltenden Grenzen stehen, dass diejenigen diese überhohen Schranken zu überwinden versuchen, wissend darum, dass das Überwinden jener Anlagen unmöglich ist, ahnend darum, dass sie bei jenem Versuch, die Grenzanlagen zu überwinden, aller Voraussicht nach sterben werden … Dass folglich also diejenigen, die die Grenzen zu überwinden sich bemühen und dabei ums Leben kommen werden, uns daran erinnern, was wir nicht sehen, nicht sehen wollen? Mahnen uns diejenigen nicht, über die Hochsicherheitsanlagen hinauszuschauen, dorthin zu blicken, wo Leid und Bedrängnis das Leben und das Sein in seinen Grundlagen herausforden?

Schiller hat einmal geschrieben: Grenzen hätten Tyrannenmacht! Gar soweit muss man nicht gehen. Aber man muss sich sicherlich fragen, welche Funktion eine Grenze in der heutigen Welt noch hat, noch haben kann, wo unsere Gesellschaft durch das Internet zu einem globalen Dorf zusammengewachsen ist, wo wir nicht mehr anders können, als über alle Grenzen hinüberzuschauen, über diese engen Anlagen hinauszuwachsen und uns den Möglichkeiten des globalen Zusammenwachsens zu stellen und diese zu reflektieren, gleichwohl aber auch über die damit verbundenen Risiken nachzudenken.

Grenzen können Räume und Territorien trennen, aber sie werden als weit mehr verstanden: Sie trennen das menschliche Vermögen von dessen Unvermögen, scheiden das menschliche Verstehen vom magischen Unverständnis, das Sehen vom Vermuten, das Wissen vom Glauben. Es ist, als wollen Grenzen dazu anhalten, dass der Mensch sich seine eigene Begrenztheit eingesteht, gleichwohl aber herausgefordert wird, über diese eigene Begrenztheit hinauszugehen, hinauszudenken, gar in dem Sinn, dass der Mensch seine eigenen Grenzen erkennt, diese alsdann, auch schmerzlich, benennen und bestimmen kann, aber dadurch über sich erfährt, wo er beginnt, wo er aufhört, was und wer er ist.

Grenzen, in dem Sinn verstanden, haben, wie schon Kant gewusst hat, etwas Positives, denn sie schränken den Menschen, sein Wesen, sein Denken und sein Dasein nicht ein; vielmehr fordern sie heraus, vielmehr motivieren sie, vielmehr entfachen sie im Menschen jene typisch menschliche Kraft, zu träumen und in den Träumen das Wirkliche zu sehen, das Notwendige, das Umsetzbare … Schon Novalis hat hierzu einmal Folgendes geschrieben: „Alle [Grenzen] sind bloß des Übersteigens wegen da.“ Setzt man Grenzen, fordert man sich dazu auf, diese Grenzen zu hinterfragen, mit dem Ziel, diese Grenzen zu übersteigen, mit dem Eingeständnis, dadurch neue Grenzen setzen zu müssen.

Bauen wir also riesige Sicherheitsanlagen auf, ziehen wir meterhohe Zäune, dann fordern wir diejenigen heraus, die aus Not und Elend flüchten, motivieren wir diese dazu, dass sie jene Grenzanlagen betrachten und zu überwinden suchen. Es ist ein schier menschlicher, ein fast schon romantischer Wunsch, jene Sperranlagen nicht als Grenze der eigenen Wirklichkeit und Wirkhaftigkeit zu betrachten, sondern vielmehr als Spielweise der Träume in der Hoffnung, dass in jenen Träumen der Weg über diese Sperranlagen geboren wird. So bemerkt man es in Ungarn, in Spanien und in Italien: Die Flüchtenden lassen sich nicht durch riesige, unüberwindlich wirkende Zäune von Europa abhalten, nicht durch das große, unüberschaubare Mittelmeer; sie wagen dasjenige, was unter unseren menschlichen Bedingungen als unmöglich gilt, wagen das, was ihr Leben fordern kann und bisweilen auch wird … Es ist kein Geheimnis, dass jene Flüchtenden lieber ihr Leben in die Waagschale des einen Versuches werfen, als das Leben schrittweise aufgeben zu müssen gegenüber dem Hunger, dem Krieg, der Qual vor Ort … Das wird vielleicht auch einmal der derzeitige amerikanische Präsident einsehen müssen!

„Eine Grenze hat Tyrannenmacht.“, lässt Schiller sagen. Grenzen, werden sie im politischen Raum gebraucht, gar missbraucht, haben eine unmenschliche Wirkung: sie entblößen einerseits die Kaltherzigkeit derer, die jene Anlagen bauen, andererseits beweisen sie die Verzweiflung derer, die dennoch versuchen, über jene Anlagen zu gelangen. Solch verstanden Grenzen offenbaren die Tragik unserer Zeit. Als ob man aus der Geschichte nichts gelernt habe, als ob die Geschichte gerade daneben steht und sarkastisch lacht … Sicherlich kann man das Verstärken von Grenzen nachvollziehen, man kann das Bedürfnis nach Sicherheit verstehen, aber sind wir wirklich bereit dazu, zu akzeptieren, dass wir die Welt, in die wir uns selbst hineingelebt haben, wieder in einzelne Nationen zerstückeln lassen, hoffend, dass jede Nation sich selbst lebe, jede Nation seine eigenen, bisweilen globalen Probleme löse, jede Nation für sich … Sind wir wirklich bereit, die Augen zu verschließen und die Geschichte lachen zu lassen?

Am 29. Juni und am 02. Juli wird das erfolgreiche Theaterstück „Ein grauer Tag im August“ im Theater-Ensemble in Würzburg neu aufgeführt werden; es erinnert an den Bau der Berliner Mauer, an die Maßnahme zur Verstärkung der innerdeutschen Grenze … Es erinnert daran, was Unrechtsregime Menschen antun können und werden; es zeugt noch heute davon, was Menschen auf sich nehmen in ihrer Not und ihrer Verzweiflung; es mahnt noch heute, dass man Menschen nicht davon abhalten kann, in Freiheit, Wohlstand und Glück zu flüchten, in ein besseres Leben, jenseits von allseitiger Bedrohung …

„Du gehst einfach nur los: Immer einen Schritt weiter, immer einen Meter weiter, immer weiter! Du gehst einfach nur: Der Asphalt der Straße verändert sich nicht, der Geruch verändert sich nicht – der Himmel verändert sich nicht, die Welt – scheint sich nicht zu verändern.“, sagt die Hauptfigur Müller im Stück, als er vor dem Brandenburger Tor steht und Richtung West-Berlin schaut.

Du gehst einfach nur los! Es ist ein einfacher Satz, aber er besitzt Sprengkraft: Er macht Grenzen nicht überflüssig, aber er fragt nach der Notwendigkeit, dem Nutzen, er hinterfragt Schranken nicht, aber er fragt nach der Umsetzung der Trennung … Wir Menschen benötigen scheinbar jene Grenzen, denn diese geben uns Orientierung, Halt und Sicherheit, zumindest suggerieren sie das. Vielmehr aber brauchen Grenzen uns, denn durch uns können Grenzen etwas Positives, etwas Herausforderndes entwickeln, gleichzeitig aber auch jene Tragik entfachen, die wir aus der Geschichte kennen, gleichwohl aber auch aus der derzeitigen politischen Gegenwart.

Das Stück erzählt diese Tragik von Grenzziehungen, die den Menschen nicht positiv herausfordern sollen, vielmehr diesen einschränken, gefangen halten, klein machen. Das Stück erzählt deutsche Zeitgeschichte mit Wirkung auf die Gegenwart: Es fragt nach dem Sinn von Grenzziehungen, nach der Notwendigkeit, ein Gefühl zu akzeptieren, das weder vernünftig noch menschlich ist, vielmehr einfach nur blind zu sein scheint für die Not des Mitmenschen. Das Stück fragt nach der Tragik des Politischen, am Beispiel des Baus der Berliner Mauer 1961.

„Mögen die Grenzen, an die du stößt, einen Weg für deine Träume offen lassen.“, so ein altirischer Segenswunsch. Betrachtet man die Gegenwart einerseits, das Theaterstück andererseits, dann muss man sich eingestehen, dass nie zuvor ein Wunsch eine derart große Tragik entfaltet hat.

In diesem Sinne freue ich mich darauf, Sie im Theater zu sehen und mit Ihnen über die Funktion von Grenzen in einem globalen Dorf zu debattieren.

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